Lebendiges Zeugnis

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Bild-Gedanken

von Regina Radlbeck-Ossmann

aus: Lebendiges Zeugnis Heft 2 (2017)

Kunstgedanken zu Rebekka Rauschhardts "Der Ort der unausgesprochenen Worte"

Kunstgedanken zu Lisa Reichmanns "Hände"

Wer ein Porträt malt, nimmt sich die Freiheit, vieles wegzulassen. Er verzichtet auf jegliche Szenerie, die ein Lebensumfeld skizzieren könnte, und blendet sogar den Körper der abgebildeten Person aus, um sich allein auf deren Gesicht zu konzentrieren. Dieses Gesicht wendet sich dem Betrachter als Antlitz zu, das nicht nur eine Physiognomie abbildet, sondern den Anspruch erhebt, eine Persönlichkeit wiederzugeben. Lisa Reichmann hat sich für ein ähnliches Pars pro toto entschieden. Für sie sind es die Hände, die einen Menschen in seiner Individualität vorstellen und seine Geschichte erzählen. „Hände 1“ ist das erste Werk einer auf insgesamt zehn Teile angelegten Serie, in denen sie Handporträts ihrer Familie zeichnet. Vier Arbeiten liegen bereits vor. Die erste ist den Händen ihrer Großmutter gewidmet. Das Werk ist in einer freien Technik als Handstickerei ausgeführt. Auf einem Trägermaterial aus dicht gewebter Baumwolle überlagern und überkreuzen sich Stickfäden, die in sich ständig verändernden Winkeln angesetzt sind. Sie verbinden sich zu einer kompakten Textur, die trotz ihrer zweidimensionalen Anlage ungemein plastisch wirkt. An den noch teilweise ausgeführten Unterarmen endet die Stickerei. Einige locker gesetzte Stiche, die in das nicht bearbeitete, weiße Umfeld des Trägergewebes ausgreifen, deuten an, dass es der Darstellung um einen bewusst gewählten Ausschnitt geht. Darüber hinaus geben diese ins Leere gehenden Stiche Aufschluss über den Entstehungsprozess der Stickerei. Das Werk besitzt eine naturnahe Farbigkeit. 15 Hauttöne von Cremeweiß bis zu einem ruhigen Rotbraun bilden die Basis. Im Bereich der Fingergelenke und Fingernägel treten einzelne Rosétöne hinzu. Die Adern der oben liegenden Hand sind in fein abgestuften Blau- und Grüntönen gezeichnet. Durch die mehrfach ineinander greifenden Fäden entstehen so viele Farbübergänge, dass man glaubt, Lisa Reichmann habe mit Hunderten von Schattierungen gearbeitet.

Regina Radlbeck-Ossmann

 

 

 

 

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