Lebendiges Zeugnis

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Kunst-Gedanken

von Regina Radlbeck-Ossmann

aus: Lebendiges Zeugnis Heft 1 (2018)

 

Kunstgedanken zu Rebekka Rauschhardts "Der Ort der unausgesprochenen Worte"

Kunstgedanken zu Robert Rudat's "Sitzender"

Ein junger Mann sitzt auf einem improvisierten Stuhl. Er ist nackt. Seinem
Aussehen nach würde man ihn auf 35 Jahre schätzen, vielleicht auf 40.
Früher hätte man von einem Mann in den besten Jahren gesprochen und
damit den Lebensabschnitt benannt, in dem ein Mensch große Ziele verfolgt
und voller Tatkraft ist. In der Situation, die das Bild einfängt, ist von
Tatkraft nicht viel zu spüren. Der Mann sitzt einfach nur da und schaut
sinnierend in die Ferne. Sein Gesichtsausdruck wirkt entspannt und es ist
schwer zu sagen, ob er leicht amüsiert blickt oder eher resignierend. Wie
immer man diesen Gesichtsausdruck deutet, der Mann sieht er ein bisschen
verloren aus. Seine linke Hand hat er an sein Kinn gelegt, seine rechte
findet an der Sitzfläche Halt. Nichts deutet darauf hin, dass er sich demnächst
erheben wird, um etwa einer Aufgabe nachzugehen und ein Ziel zu
verfolgen.

Der Mann im Bild hat sich offensichtlich auf ein längeres Verweilen eingestellt.
Damit es für ihn auf den kantigen Blöcken, die er zu einem Stuhl zusammengeschoben hat, nicht zu unbequem ist, hat er eine mehrfach gefaltete Decke untergelegt. Sein Körper ist normal ausgebildet und offensichtlich nicht verletzt, dennoch wirkt er ein bisschen hilflos. Man würde allerdings zögern, diesen Mann anzusprechen, denn seine Körpersprache signalisiert, dass er mit sich beschäftigt ist und allein bleiben will.

Die Haltung des nackten Mannes ist merkwürdig gedreht, sie strahlt Unentschlossenheit aus. Während sein Becken und seine Beine sich von der Körperachse aus nach rechts wenden und sich damit leicht zum Betrachter
hin öffnen, sind Oberkörper, Schultern und Kopf in die Gegenrichtung
gedreht und vom Betrachter abgewendet. Ablehnend wirkt insbesondere
die Stellung seiner Füße. Die beiden großen Zehen öffnen sich nicht wie
gewöhnlich nach außen, sondern zeigen zueinander. Sie wehren ab. In
dieser Fußstellung wird es für den jungen Mann schwer sein, Stand zu
gewinnen. Aber er will ja gar nicht stehen, sondern sitzen. Als Sitzenden
stellt ihn auch der Titel vor, den Robert Rudat seinem Gemälde gegeben
hat.

Ein Betrachter, der die Körpersprache des großen Sitzenden richtig interpretiert,
wird sich in der Folge diskret verhalten und darauf bedacht sein,
den abgebildeten Mann in seiner Nacktheit nicht zu fixieren. Er wird der
Versuchung des Voyeurs widerstehen, seinem Blick eine höfliche Distanz auferlegen und in der Folge ein Gemälde studieren, das einen Mann zeigt,
der nackt ist und einfach nur dasitzt. Kaum hat der Betrachter sich von
der Begegnung mit der dargestellten Person zurückgezogen, wird er frei
dafür, deren Umfeld wahrzunehmen.

Dieses ist in hellen, zurückhaltenden Grautönen gestaltet, aus denen sich
ein Raum aufbaut, der sich allerdings bald als illusionär erweist. Wer
flüchtig hinsieht, meint zu sehen, dass der nackte Mann auf dem Stuhl in
der Ecke eines Zimmers sitzt. Wer die Szene jedoch genauer betrachtet,
der merkt, dass mit diesem Raum einiges nicht stimmen kann. Vom linken
wie vom rechten Bildrand aus laufen Bodenlinien aufeinander zu, doch
ergibt sich aus ihnen nicht wirklich eine Ecke. Der Stuhl verdeckt den
Punkt, an dem diese Linien sich schneiden. Eine senkrechte Wandlinie, die
von diesem Schnittpunkt aus nach oben verliefe, fehlt jedoch. Der Ausfall
dieses vertikalen Elements bewirkt, dass der Sitzende optisch noch stärker
auf den Quader gedrückt wird, auf dem sein Körper ruht. Doch damit
nicht genug. Folgt man nämlich den Linien, die der Sitzende mit den
Fingern seiner rechten Hand weist, so erkennt man, dass der Quader über
die Bodenfläche hinausgeht und in eine Leere ragt, die man bis dahin als
begrenzende Wand wahrgenommen hat. Eine Wand muss es jedoch geben,
denn auf ihr schlägt sich die Andeutung eines Schattens nieder, den der
Körper des sitzenden Mannes wirft.

Spätestens jetzt kommt der Betrachter selbst ins Sinnieren und hätte sich
wohl gern auf eine Sitzgelegenheit niedergelassen, die es ihm erlaubte,
eine Zeit lang schauend zu verweilen, um im Betrachten und Bedenken
seine Orientierung wiederzugewinnen. Die anfangs so schlicht scheinende
Bildkomposition hat sich für ihn nämlich als verwirrendes Vexierspiel
entpuppt, das ihm vermutlich dieselben Fragen aufdrängt, denen der
junge Mann im Bild nachhängt. Denn plötzlich werden im Betrachter viele
Fragen wach, die sich alle darum drehen, was bei näherer Betrachtung
nun verlässlich ist und was nicht.

Im Unterschied zum jungen Mann im Bild wird der Betrachter in dieserSituation bekleidet sein, aber darum wissen, dass er angesichts der Herausforderungen des konkreten Lebens selbst in der kraftvollen Mitte desLebens letztlich ungeschützt ist, so ungeschützt wie er schon immer war.Von dem großen Sitzenden, der in seiner unverstellten Nacktheit einfachda ist, kann er deshalb lernen, diese Ungeschütztheit weder zu leugnennoch ihr zu entfliehen. Er muss sich Zeit nehmen und ein Verhältnis zuihr gewinnen, bevor er wieder aufstehen, sich erneut ein Ziel setzen undmit Tatkraft an die Erfüllung seiner Aufgaben gehen kann.

 

Regina Radlbeck-Ossmann

 

 

 

 

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