Lebendiges Zeugnis

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Kunst-Gedanken

von Regina Radlbeck-Ossmann

aus: Lebendiges Zeugnis Heft 4 (2017)

 

Kunstgedanken zu Rebekka Rauschhardts "Der Ort der unausgesprochenen Worte"

Kunstgedanken zu Ulrike Crodels "Marienteppich"

„Seht, ich verkünde euch eine große Freude!“, ruft das leuchtende Rot des von Ulrike Crodel gestalteten Marienteppichs dem Betrachter zu. Die Künstlerin hat mit ihrer Arbeit einen Ausschnitt aus dem großen Halberstädter Marienteppich nachempfunden. Die historische Vorlage ist in zwei Teilen gearbeitet. Auf einer Breite von insgesamt fast 14 Metern zeigt das im 16. Jahrhundert erstellte Werk zwei mal sechs Szenen aus dem Marienleben. Die junge Künstlerin hat für ihr Werk die theologisch zentrale Szene der Geburt Jesu ausgewählt. In aufwändiger Detailarbeit hat sie die ursprüngliche Farbgebung des mit den Jahren verblassten Originals rekonstruiert und dieses mit Hilfe der von ihr selbst entwickelten Technik des Jacquardgobelins sodann in brillanter Farbigkeit neu erstehen lassen. Das neue Verfahren mischt aus wenigen, dünnfädig einlaufenden Grundfarben computergestützt eine Vielzahl feiner Farbabstufungen. Rund vierzig dieser Farbtöne kann das menschliche Auge als voneinander verschieden wahrnehmen und bewusst unterscheiden.

Die Darstellung der Szene folgt den Aussagen des Lukasevangeliums (Lk 2,1-20). Im Bildmittelpunkt steht Maria, die sich in liebender Anbetung dem neugeborenen Jesuskind zuneigt. Von rechts nähert sich Josef, der kniefällig zur Geburtsszene hinzutritt. Stock und Lampe, die er in seinen Händen trägt, stellen ihn als den Ziehvater vor, der Mutter und Kind schützt und für sie sorgt. Dezent im Hintergrund halten sich Ochs und Esel, von denen das Evangelium nichts berichtet. Dass diese beiden großen Tiere von frühchristlicher Zeit an dennoch einen festen Platz bei der Krippe haben, dürfte auf ein Wort Jesajas zurückgehen. Der Vers spricht davon, dass Ochs und Esel als vermeintlich dumme Tiere doch immerhin die Krippe ihres Herrn kennen, während die angeblich so klugen Israeliten sich dessen nicht zu erinnern scheinen (Jes 1,3).

Weitere Tiere tummeln sich vergnügt im Vordergrund. Von links nach rechts gesehen ist das zunächst ein Vogel, der Körner aufpickend bestätigt, dass sein Vater im Himmel ihn ernährt, obwohl er selbst weder sät noch erntet (Mt 6,26). Dem Vogel eilt eine bewegte Dreiergruppe aus Hase, Einhorn und Hund voraus. Wie in mittelalterlichen Kunstwerken üblich steht das Einhorn für ein mythisches Wesen, das aufgrund seiner großen Kraft und Stärke nicht durch Jäger gefangen, sondern einzig durch die Liebe einer Jungfrau gebändigt werden kann. Der Legende nach legt es der Jungfrau sein Horn in den Schoß und wird dadurch zahm. Der Deutung der Kirchenväter folgend erkennt das Mittelalter im Einhorn Jesus Christus, der im Schoß der Jungfrau Maria Mensch wird. Der begleitende Hase, selbst Symbol gesegneter Fruchtbarkeit, bekräftigt diese Aussage. Hinzu kommt der Hund, der als Inbegriff von Treue und Wachsamkeit den beiden vorauslaufenden Tieren folgt. Während Einhorn und Hase die Menschwerdung des Sohnes Gottes in der Jungfrau Maria versinnbilden, deuten Hund und Sperling in ihrer Tiergestalt die Haltung an, in der die Gläubigen das Glaubensgeheimnis aufnehmen sollen.

Die Tiere sind es auch, die eine Verbindung zwischen der im Vordergrund dargestellten Geburtsszene und dem prächtigen Bildhintergrund schaffen. Ochs und Esel ragen mit ihren massigen Körpern nach links in diesen Hintergrund hinein, die vier kleineren Tiere laufen in der Dynamik ihrer Bewegung nach rechts auf ihn zu.

über den strahlend roten Fond dieses Bildhintergrundes schlingt sich das frische Grün eines reichen Rankenwerkes. Dieses formt eine Vielzahl kreisrunder Felder, in denen jeweils ein farbenprächtiges Ornament sitzt. Formen, die den Einfluss des Orients verraten, fügen sich zu floralen Gebilden, die Blüte und Fruchtstand zugleich sind. Alle Ranken scheinen einem einzigen Wurzelstock zu entsprießen. Anders als in der Natur weisen die auf diesen Ranken sitzenden Blüten und Fruchtstände jedoch ganz unterschiedliche Formen und Farben auf. Zwar enthält jedes dieser ornamentalen Gefüge das lichte Gelb, das vom Jesuskind in der Krippe ausstrahlt und auf der Gestalt Marias widerscheint. Aber keines der Ornamente wiederholt sich. Jedes ist für sich einzigartig. Die in dieser überbordenden Vielfalt aufscheindende überbietung natürlicher Fruchtbarkeit weist hin auf das Geheimnis der Inkarnation. Denn auch die Menschwerdung Jesu aus der Jungfrau Maria nimmt das beeindruckende Schauspiel natürlicher Abläufe auf, um es überreich zu überbieten. Der wundersam fruchtbare Wurzelstock trägt deshalb auch die Krippe mit dem Jesuskind. Ein mit der christlichen Symbolik vertrauter mittelalterlicher Beter wird in diesem Wurzelstock unschwer die Wurzel Jesse erkannt haben, der den Worten des Propheten folgend ein Reis entspringt (Jes 11,1-10). Der christlichen Interpretation galt dieses Reis schon früh als Bild der Kirche (vgl. Röm 11, 13-24). Das Mittelalter ließ das Reis zur Rose werden und identifizierte diese mit Maria. Solcherart angereichert fand die alte Symbolik Eingang in Advents- und Weihnachtslieder, die man heute noch singt.

Ulrike Crodel hat sich in ihrem Marienteppich bis in die Details hinein an der historischen Vorlage ausgerichtet. In Verehrung für das große Textilkunstwerk ihrer Heimat hat sie dieses eingehend studiert und ihr textilkünstlerisches Können eingesetzt, um ein Werk von zeitloser Schönheit in neuer Weise zum Strahlen zu bringen.

 

Regina Radlbeck-Ossmann

 

 

 

 

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