Lebendiges Zeugnis

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Bild-Gedanken

von Regina Radlbeck-Ossmann

aus: Lebendiges Zeugnis Heft 1 (2017)

Kunstgedanken zu Rebekka Rauschhardts "Der Ort der unausgesprochenen Worte"

Kunstgedanken zu Rebekka Rauschhardts "Der Ort der unausgesprochenen Worte"

Es gibt optische Eindrücke, die so stark sind, dass man vor ihnen verstummt. Der von Rebekka Rauschhardt geschaffene Bildteppich vermittelt einen solchen überaus starken Eindruck. In seiner exzessiv aufleuchtenden Farbigkeit sorgt er dafür, dass der Betrachter sich nur noch aufs Schauen konzentrieren will und für eine Zeit lang weder sprechen noch hören möchte.

Auf einer Fläche von fast neun Quadratmetern tummelt sich eine Vielzahl farbiger Gebilde. Deren längliche Grundform ist an einer Seite abgerundet, auf der anderen läuft sie spitz zu. Wer diese Grundform beschreiben will, mag von Blütenblättern sprechen oder von bunten Tropfen. Würde man zwei dieser Formen zusammenfügen, so ergäbe sich daraus ein Herz. Die einzelnen Elemente richten sich mit ihrer Spitze am Mittelpunkt aus und ergeben damit eine dynamische Kreisform. Da diese Ordnungsstruktur nicht streng linear ausgeführt ist, sondern leichte Abweichungen aufweist, entsteht der Eindruck von Bewegung. Es scheint, als seien die tropfenförmigen Gebilde noch dabei, den für sie passenden Platz zu finden. Trotz der wimmelnden Vielzahl der Elemente gibt es auf dem Bildfeld noch genug freie Stellen. Das befreit die wirbelnden Formen davon, miteinander konkurrieren zu müssen. Sie können sich gegenseitig Raum gewähren und die Suche nach ihrem ganz speziellen Ort dennoch beharrlich fortsetzen.

Die im formalen Aufbau bereits angelegte Dynamik wird zum einen durch die Technik, in der der Bildteppich gearbeitet ist, und zum anderen durch die Farbigkeit, die er besitzt, zusätzlich verstärkt. Jeder der rund 1.000 Tropfen besteht aus bis zu elf übereinander gelegten Stoffschichten, wobei jede Schicht die beschriebene Grundform aufgreift und sie leicht variiert. Die verwendeten Stoffteilchen sind so gestaffelt, dass die jeweils kleinere Lage obenauf liegt. Damit bleibt sichtbar, aus welchen Materialien, Webarten und Farben jedes der Elemente sich aufbaut. Das Ergebnis ist eine geradezu überbordende Fülle an Formen und Farben. Sie zieht den Betrachter immer wieder neu in den Strudel dieses vielfältigen Miteinanders hinein, ohne dass er entscheiden könnte, ob der Mittelpunkt, um den alles sich zu drehen scheint, nun der Ruhepunkt ist, dem die oszillierenden Teilchen zustreben, oder ob er im Gegenteil den Fluchtpunkt darstellt, von dem alle Bewegung überhaupt erst ausgeht. Die Antwort des Kunstwerks bleibt in der Schwebe, und vermutlich erfasst jede der beiden Deutungen einen je anderen Teil der komplexen Wahrheit, die dem ungestümen Tanz der bunten Tropfen zugrunde liegt.

Während das Auge noch damit beschäftigt ist, sich in der Vielfalt der Farben und Formen zu orientieren, klingt im Ohr nun doch nach, was Rebekka Rauschhardt sich für ihre 2010 geschaffene Arbeit als Thema gewählt hat. Innerhalb einer größeren Schaffensperiode, die unter dem Titel „Zwischen Gewalt und Zärtlichkeit“ stand, hat „Der Ort der unausgesprochenen Worte“ es ihr angetan. Wo gehen all die Worte hin, die sich im täglichen Miteinander ergeben und ausgesprochen werden wollen, die schließlich aber doch zurückgehalten werden? Diese Frage hat die Künstlerin in ihrer Fantasie wie in ihrer künstlerischen Fertigkeit herausgefordert.

Auf hellblauen Grund, der so weit ist wie der Himmel oder das Meer, hat Rebekka Rauschhardt in schier unerschöpflicher Kreativität eben die Worte hervorgeholt, die ob ihrer verwirrenden Buntheit unterschlagen wurden, Worte, die doch so viel und so unverstellt vom Leben erzählen. Unausgesprochene Worte im bunten Taumel, das sind tausendfach ungesäumte Schnittkanten, provozierend starke Kontraste und nicht ganz akkurate Anordnungen. Unausgesprochene Worte, das sind jedoch auch vielsagende Zeugnisse ungebremster Vitalität und der Niederschlag einer Dynamik, die in tausend Situationen immer wieder neu aufbricht und Zeugnis von der überreichen Fülle des Lebendigen gibt. Wo diese Fülle allen Vorsichten und Rücksichten zum Trotz an die Oberfläche dringen und wahrnehmbar werden darf, kann der Tanz ungebrochener Lebendigkeit sich entfalten. Dann kann es geschehen, dass zwei sehr bunte Tropfen, die sich aus mehreren ganz verschiedenen Materialien aufbauen, einander plötzlich nahe kommen und sich schließlich sogar zu einem doppelt bunten Herz vereinen.

 

Regina Radlbeck-Ossmann

 

 

 

 

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