Lebendiges Zeugnis

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Ausgabe 02/2015: Zeit

Liebe Leserinnen und Leser!

Vor einiger Zeit habe ich zufällig im Autoradio gehört, dass eine Firma ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Anweisung gegeben habe, untereinander nicht mehr über E-Mail zu kommunizieren, da ein Großteil der Arbeitszeit damit verbracht würde, die internen Mails zu bearbeiten, neue zu schreiben oder Nachrichten, bei denen man in cc gesetzt wurde, zu lesen. Die Zeit für Kundenkontakte würde darunter leiden.

Hartmut Rosa spricht in den vielbeachteten soziologischen Studien über die soziale Beschleunigung vom Paradox der Zeit. Denn obwohl die Moderne mit all ihren technischen Neuerungen das Konzept „Zeitersparnis“ verfolge, verfüge der Mensch über immer weniger Zeit. Rosa sieht den Übergang von der „klassischen“ Moderne zur „Spät-Moderne“ als Transformation der
Temporalstrukturen selbst, im Zuge dessen sich die soziale Praktiken, Institutionen und das individuelle Selbstverständnis nachhaltig ändern würden.

Da die neuen Temporalstrukturen das Projekt des guten Lebens insgesamt gefährdeten, bräuchte es eine neue Kritische Theorie, die die Subjektoption im Kontext von Zeit in den Blick nimmt: „Moderne Subjekte können mithin als kaum
durch ethische Regeln und Sanktionen eingeschränkt und daher als ‚frei’ verstanden werden, während sie doch durch weitgehend unsichtbare, entpolitisierte, nicht diskutierte, untertheoretisierte und nicht artikulierte Zeitregime rigoros reguliert, beherrscht und unterdrückt werden“, schreibt Rosa in dem Essay „Beschleunigung und Entfremdung“.

Zeit ist ein Schlüsselthema gesellschaftlichen wie individuellen Lebens. Erforderlich ist eine grundlegende gesellschaftliche und kulturelle Debatte darüber, wie wir leben wollen. An der Realisierung des Heftes haben Matthias Micheel, Dr. Christian Schramm und Niklas Wagner mitgewirkt. Herzlichen Dank dafür.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich eine spannende
und anregende Lektüre.

 

Ihr

Schriftleiter Prof. Dr. Hans Hobelsberger